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Welche Risiken erwarten den Anleger?

Sowohl eine Unternehmens- als auch eine Staatsanleihe bergen einige Risiken in sich. Der Käufer einer Anleihe muss das Kredit-, Liquiditäts- und Währungsrisiko genau einschätzen und daraus seine Entscheidung ableiten. Bevor wir auf die einzelnen Risiken eingehen, möchte ich Beispiele von Unternehmen und Staaten geben, wo der Anleihe-Gläubiger das Nachsehen hatte.

Solarworld: Aktien für Gläubiger

Frank Asbeck ist mit seinem Unternehmen Solarworld mächtig ins Trudeln geraten. Der Preisverfall für Solarmodule machte der deutschen Solarindustrie zu schaffen und forderte zahlreiche prominente Opfer. Der hochverschuldete Konzern möchte mit den Anleihegläubigern eine 60 Prozentige Umwandlung der Schuldscheine in Aktien erreichen. Die Gläubiger würden in diesem Fall einen Verlust erleiden. Sollte die Sanierung jedoch scheitern, könnten die Inhaber von Solarworld-Anleihen sogar leer ausgehen. Beim damaligen Konkurrenz-Unternehmen Q-Cells verweigerten wenige Gläubiger den Umtausch ihrer Anleihen in Aktien und trugen damit dazu bei, dass das Unternehmen nicht saniert werden konnte und in letzter Konsequenz verkauft wurde.

Siag Schaaf: Gläubiger gehen leer aus!

Eigentlich sollte die emittierte Anleihe aus dem Jahre 2011 von Windanlagenbauer Siag Schaaf bis zum Jahr 2016 laufen. Im März 2012 vermeldete das Unternehmen Zahlungsunfähigkeit und stieß damit den Gläubigern vor dem Kopf. Dabei fielen das Rating für das Unternehmen und für die Anleihe durch Standard & Poor’s denkbar schlecht aus. Das Unternehmen erhielt die Note „B+“. Wörtlich übersetzt heißt das, dass das Unternehmen eine ausreichende Bonität besitzt und dass ein mittleres Ausfallrisiko bestünde. Die Anleihe selbst erhielt von der Agentur sogar nur ein „CCC+“.  Das Ausfallrisiko ist bei dieser Note mit „hoch“ bis „sehr hoch“ ausgeschrieben. Das spiegelte sich auch im Zinskupon wieder, denn die Anleihe wurde mit neun Prozent verzinst. Gläubiger erhielten auf ihre investierten 1.000 Euro lediglich einen Betrag von unter fünf Euro zurück.

Griechenland: Politik vs. Gläubiger

Als Griechenland 2001 in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen wurde, schönte das Land Statistiken zum Haushalt und zur Neuverschuldung. Wären die „echten“ Zahlen damals bekannt gewesen, hätten die Helenen, unter Berücksichtigung der Kriterien von Maastricht nicht der EU beitreten dürfen. Als aus der Finanzkrise 2008, die Schuldenkrise 2010 wurde, geriet der griechische Staat ins Wanken und musste mit Milliarden Euro an Rettungsgeldern künstlich am Leben gehalten werden. Besitzer von Anleihen wurden zwangsenteignet, denn 2012 mussten die Gläubiger auf 53,5 Prozent ihres angelegten Geldes verzichten. Außerdem wurden die Laufzeiten der Anleihen auf bis zu 42 Jahre verlängert. Das Beispiel von Griechenland zeigt, dass im Zweifelsfall der Staat am längeren Hebel sitzt. Wenn ein Unternehmen seine Schulden nicht tilgen kann, geriet es in die Insolvenz und die Gläubiger werden aus der Insolvenzmasse bedient. De facto hätte Griechenland seine Schulden bezahlen können, wenn es Güter und andere Dinge aus dem Staatlichen Besitz verkauft hätte. Politische Sicherheit spielt bei Staatsanleihen also ebenfalls eine große Rolle und darf nicht unterschätzt werden.

Das Emittentenrisiko ist nach dem Schuldenschnitt in Griechenland, dem Verlust bei Lehman-Zertifikaten und der gegenwärtigen Situation in Europa und der Welt so aktuell wie noch nie zuvor. Rating-Agenturen können Ihnen die Entscheidung nicht abnehmen, jedoch unterliegen die Ratings einer gewissen Objektivität und Professionalität. Die Reputation der Agenturen hat in der Finanzkrise stark gelitten, denn die Allgemeinheit unterstellt den Agenturen, dass diese die Risiken einiger Derivate falsch eingeschätzt haben. Der mündige Bürger sollte jedoch in der Lage sein, Risiken selbst einzuschätzen und für seine Entscheidungen selbst verantwortlich zu sein.

Oft werden Anleihen von Unternehmen emittiert, welche nicht an der Börse notiert sind. Darunter kann die Kommunikation mit den Gläubigern leiden, denn nicht-börsennotierte Unternehmen sind rechtlich nicht dazu verpflichtet in regelmäßigen Abständen Informationen der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wenn Sie Interesse daran haben: Geschäftsberichte und Nachrichten vom Unternehmen zu lesen, dann sollten Sie eventuell in börsennotierte Unternehmen investieren, da diese deutlich transparenter sind.

Im Gegensatz zu den Aktienmärkten sind Anleihen nicht so liquide. Durch die begrenzte Liquidität ist es verhältnismäßig teuer, Geschäfte zu tätigen. Ein umgehender Verkauf einer Anleihe ist nicht immer möglich. Aus diesem Grund raten wir kurzfristig orientierten Anlegern von dieser Anlageklasse ab.

Wie bei jedem Investment ist auch die Anleihe nicht frei von Risiken. Diese zu kennen und richtig einschätzen zu können, ist allerdings eine der Grundvoraussetzungen für einen Kauf von Anleihen.

Die nächste Lektion im Anleihen-Crashkurs lautet:

Wie kommt ein Anleihekurs zustande?

Autor: Martin Brosy